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Titelstory

Schneller, höher, weiter

Die Werbetechnik-Branche wandelt sich ständig. Das hängt nicht nur mit neuen Technologien, sondern auch mit der Abschaffung des Meisterzwangs zusammen. Der Fachkräftemangel macht der Branche zusätzlich zu schaffen.

Bild oben: Digital Signage ermöglicht den flexiblen Einsatz von Werbebotschaften (Foto © eyetronic – stock.adobe.com)
Im täglichen All­t­ag gibt es kaum ei­nen Bereich ohne Wer­bung – sei es im Fernse­hen, in der Zei­tung, im In­ter­net, auf Plakat­en oder auf Lit­faßsäulen. Um aus der Masse der Wer­be­botschaften her­vorstechen, sind Werbe­mit­tel de­shalb vor allem eines: bunt, in­spiri­erend und emo­tio­n­al. Wie Wer­bung generell, hat auch die Wer­betech­nik das primäre Ziel, ins Auge zu stechen und aufz­u­fall­en. Dabei um­fasst Wer­betech­nik die ges­tal­terische und tech­nische Um­set­zung von Wer­bung im Schilder- und Lichtrek­lame­hand­w­erk. Die Wer­betech­nik set­zt Wer­bung um in Pro­dukte wie Pla­nen, Mag­netschilder, Schaufen­sterbeschrif­tun­gen, Fah­nen, Großflächen­plakate, Kfz-Beschrif­tun­gen, Ban­n­er oder Roll-ups. Wer­betech­nik­er bauen und ges­tal­ten aber auch kom­plette In­for­ma­tionssys­teme oder Mess­es­tände. Die Auf­trags­lage der Wer­betech­nik-Branche in Deutsch­land ist gut. Doch auch zehn Jahre nach Ab­schaf­fung der Meis­terpflicht sorgt diese poli­tische Maß­nahme weit­er­hin für Un­mut in breit­en Teilen der Branche. Denn die Re­form hat maßge­blich dazu beige­tra­gen, dass das Schilder- und Lichtrek­lame­hand­w­erk im­mer in­trans­par­en­ter wurde. So sind zahl­reiche kleine und mittlere Be­triebe mit hinzugekom­men, deren un­terneh­merisch­er Sch­w­er­punkt ei­gentlich auf an­deren Ge­bi­eten liegt. Denn auf­grund der wegge­fal­l­e­nen Meis­terpflicht kön­nen auch Un­terneh­men Wer­betech­nik an­bi­eten, die über wei­taus weniger (geprüfte) Qual­i­fika­tio­nen ver­fü­gen, als es ur­sprünglich Vo­raus­set­zung war. Der Um­s­tand, dass viele Fir­men die Wer­betech­nik erst als zweites oder drittes Stand­bein in ihr Port­fo­lio aufgenom­men haben, er­sch­w­ert hand­feste Aus­sa­gen über die An­zahl der bun­desweit täti­gen Wer­betech­nik­er. „Tat­säch­lich in der Hand­w­erk­s­rolle einge­tra­gen sind rund 2.900 Be­triebe. Daneben ex­istiert eine Fülle von cir­ca 20.000 Be­trieben, zum Teil Ein­man­nun­terneh­men, die bei der IHK angemeldet, aber ei­gentlich branchen­fremd sind, da sie zwar einzelne Wer­betech­nik-Di­en­stleis­tun­gen an­bi­eten, diese aber nicht ihr Sch­w­er­punkt sind“, er­läutert Marti­na Gral­ki-Brosch, Bun­desin­nungs­meis­terin des Zen­tralver­bands Wer­betech­nik (ZVW).

Diskus­sion um Meis­terpflicht

Digital Signage ermöglicht den flexiblen Einsatz von Werbebotschaften (Foto © eyetronic – stock.adobe.com)
Dig­i­tal Sig­nage er­möglicht den flex­i­blen Ein­satz von Wer­be­botschaften (Fo­to © eyetron­ic – stock.adobe.com)

Der ZVW mit Sitz in Dort­mund hatte erst Ende Mai auf der Jahre­shauptver­samm­lung in Ber­lin sein­er Forderung Nach­druck ver­lie­hen, die Meis­terpflicht im Beruf des Schilder- und Lichtrek­lame­her­stellers wied­er einzuführen. Dabei stieß der Ver­band auf Zus­pruch von­seit­en der Pol­i­tik. So un­ter­stützt et­wa auch Dr. Carsten Lin­ne­mann, Bun­desvor­sitzen­der der Mit­tel­s­tands- und Wirtschaftsvereini­gung der CDU/CSU, die Forderung des ZVW, die Meis­terpflicht als Qual­itätssiegel im Schilder- und Lichtrek­lame­her­steller­hand­w­erk wied­er einzuführen. Auch Ralph Bom­bis von der FDP und Vor­sitzen­der der En­quete-Kom­mis­sion zur Zukunft von Hand­w­erk und Mit­tel­s­tand in NRW, zeigte sich of­fen für eine Diskus­sion über die Meis­terpflicht. „Ger­ade in unser­er über­aus vielfälti­gen Branche ist die Pro­filierung durch die Meis­terpflicht ein ab­so­lutes Muss. Der ZVW set­zt sich bere­its seit Jahren für eine erneute Nov­el­lierung der Hand­w­erk­sord­nung ein. Um eine qual­i­fizierte Aus­bil­dung und ei­nen ho­hen Ver­brauch­er­schutz zu gewähr­leis­ten, ist ein Um­denken auf eu­ropäisch­er Ebene drin­gend er­forder­lich“, be­tont Marti­na Gral­ki-Brosch. Deutsch­land­weit ex­istieren schätzungsweise rund 150 größere Wer­betech­nik-Un­terneh­men mit 20 bis 50 Angestell­ten. Sie sind es, die größere Ob­jekte mit rie­si­gen Wer­betür­men, Großwer­bean­la­gen und Leucht­buch­staben auss­tat­ten und oft auch eu­ro­paweit im Ein­satz sind. Bei ihren Kun­den han­delt es sich zumeist um große Filial­is­ten. Zu­dem be­fassen sich diese Be­triebe speziell mit so­ge­nan­n­ten „Um­flag­gun­gen“, die z.B. dann er­forder­lich sind, wenn ein Einzel­han­del­s­riese den an­deren aufkauft. Im Zuge dessen muss dann die kom­plette Cor­po­rate Iden­ti­ty der neu er­wor­be­nen Märkte umges­tal­tet und die Wer­bung ent­sprechend ange­passt wer­den. Solche Großaufträge für die Um­flag­gung mehr­er­er Filialen sind ent­sprechend lukra­tiv und in der Branche hart umkämpft. Bei ein­er Markt-Über­nahme muss dann alles sch­nell ge­hen – oft ge­ht die ge­samte Um­rüs­tung in­n­er­halb von drei Mo­nat­en über die Bühne. Die Wer­be­flächen wer­den häu­fig erst kurz vor der Eröff­nung in An­griff genom­men, die Zeit sitzt den Wer­betech­nik­ern dabei im­mer im Nack­en.

Trends und In­no­va­tio­nen

Die Herstellung riesiger Leuchtbuchstaben ist ein wichtiger Bereich der Werbetechnik
Die Her­stel­lung rie­siger Leucht­buch­staben ist ein wichtiger Bereich der Wer­betech­nik


Die Wer­betech­nik-Branche bringt im­mer wied­er neue tech­nische In­no­va­tio­nen her­vor. Eine der wichtig­sten war zweifel­sohne die Ein­führung der LED-Tech­nik: Statt Leucht­buch­staben und -kästen mit an­fäl­ligem und stro­m­in­ten­sivem Neon auszus­tat­ten, greift man heute zu Ket­ten mit LED-Mo­d­ulen, die ver­schraubt oder verk­lebt wer­den kön­nen. LEDs sparen Strom und lassen sich deut­lich leichter ver­bauen, in der Hel­ligkeit reg­ulieren und bei Aus­fall re­pari­eren. Vor allem die Dig­i­tal­isierung hat die Außen­wer­bung viel­seitiger ge­macht. Neben der klas­sischen Plakat-Wer­bung gibt es in­zwischen eine große Viel­falt an Dis­plays, die für die Kun­de­nan­sprache genutzt wer­den kön­nen. Dig­i­tal-Sig­nage-Lö­sun­gen, z.B. in Form elek­tronisch­er Plakate und Verkehrsschilder, dig­i­taler Türbeschilderun­gen oder Groß­bild­pro­jek­tio­nen, haben das Gesicht der Städte verän­dert. Vide­owände un­ter­schiedlich­ster Größe er­möglichen ei­nen viel flex­i­bleren Ein­satz von Rek­lame als et­wa ein fest in­s­tal­liertes Ban­n­er. Die Buchung der Mi­et­flächen er­fol­gt in der Regel über Out-of-Home-Me­dia-An­bi­eter. Tech­nisch ist in­zwischen fast alles möglich: mit ver­schie­de­nen Leucht­mit­teln beleuchtete und in­ter­ak­tive Dis­plays mit Wech­sel­mo­tiv­en, Be­wegt­bilder und vie­les mehr. Neue tech­nische Möglichkeit­en brin­gen je­doch auch neue Her­aus­forderun­gen, was z.B. Vi­su­al­isierung, Be­fes­ti­gung, Sicher­heit oder rechtliche Au­fla­gen be­t­rifft. Denn schon für ein un­beleuchtetes Schild, das mehr als ei­nen Qua­drat­me­ter misst, muss ein An­trag bei der zuständi­gen Kom­mune oder Stadt gestellt wer­den. Da gilt es Ges­tal­tungs­satzun­gen zu beacht­en, die Be­fes­ti­gung statisch vorschrift­skon­form abzu­sich­ern und das Ganze de­tail­liert zu doku­men­tieren. Egal, was sich der Kunde wün­scht und die mod­erne Wer­betech­nik möglich macht – im sch­limm­sten Fall darf das Schild von Amtswe­gen ein­fach nicht aufge­hängt wer­den. Qual­itäts­s­tan­dards wie et­wa die CE-Kennzeich­nung be­deuten für den Wer­betech­nik­er aber nicht nur ei­nen zusät­zlichen Ar­beit­saufwand, son­dern auch ein Plus an Sicher­heit: Hi­er muss ge­nau doku­men­tiert wer­den, welche elek­tronischen Bauteile ver­baut wur­den oder welche Garan­tien auf die einzel­nen Kom­po­nen­ten es gibt – auch die Rück­ver­fol­gung über Se­rien­num­mern muss sichergestellt wer­den.

Fachkräfte­man­gel bekämpfen

LEDs sparen Strom und lassen sich leicht verbauen
LEDs sparen Strom und lassen sich leicht ver­bauen

Der Beruf des Wer­betech­nik­ers bi­etet Viel­falt: Let­ztlich fin­d­en sich im Schilder- und Lichtrek­lame­hand­w­erk Tätigkeit­en von Sieb­druck­ern, Ver­gold­ern, Schrift­setz­ern, Elek­trik­ern, Schlossern, Malern, Lackier­ern und auch Me­di­enges­tal­tern. „Es han­delt sich um ei­nen Quer­sch­nitts­beruf, in dem sich rund zwölf an­dere Berufe wider­spiegel­n“, ve­r­an­schaulicht Bun­desin­nungs­meis­terin Gral­ki-Brosch die Vielfältigkeit des Beruf­spro­fils. „Im­mer neue Tech­nolo­gien und Ma­te­rialien er­fordern eine stete Weiter­bil­dung in allen Bereichen. In der heuti­gen Zeit lie­gen die Her­aus­forderun­gen aber auch bei neuen Verord­nun­gen, Ge­setzen oder Nor­men, die es zu er­füllen gilt“, so Gral­ki-Brosch. Auch weil das Jobpro­fil so kom­plex ist, hat die Branche im­mer mehr Probleme, qual­i­fizierte Auszu­bil­dende und Mi­tar­beit­er zu fin­d­en. Generell ist in den let­zten Jahren das Im­age hand­w­erk­lich geprägter Berufe lei­der nicht be­son­ders pos­i­tiv, ob­wohl die Zukunftsper­spek­tiv­en für junge Fachkräfte in der Wer­betech­nik durchaus gut sind. Wer sich weit­erqual­i­fizieren will, kann – trotz Ab­schaf­fung der Meis­terpflicht – die Meis­ter­prü­fung als viel geschätztes Qual­ität­skri­teri­um able­gen oder auf­grund der prak­tischen Er­fahrung mit den Pro­duk­ten im Ver­trieb ein­stei­gen.
Miri­am Leschke | re­dak­tion@nied­er­rhein-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017