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Business

Der „Krieg" um die Talente ist eröffnet

Unterschätzte Geisteswissenschaftler auf dem Vormarsch.

Die Kurzar­beit hat ein Ende, Aus­bil­dungs­plätze sind unbe­set­zt und der Mit­tel­s­tand meldet grünes Licht für den Ar­beits­markt. Deutsch­land kämpft sich aus der Tal­soh­le, doch was be­deutet dies für den Job­markt und das Per­so­n­al-Re­cruit­ment? Welche An­forderun­gen, welche Möglichkeit­en und welche neuen Wege müssen Un­terneh­men in ein­er glob­al­isierten Wirtschaft ver­fol­gen, um er­fol­greich neues Per­so­n­al zu fin­d­en und an sich zu bin­den? Und welche Al­ter­na­tiv­en bi­eten sich an­gesichts des de­mo­gra­fischen Wan­dels, im­mer höher­er Per­so­n­alan­forderun­gen und der zuneh­men­den At­trak­tiv­ität von Uni­ver­sitäten für den Mit­tel­s­tand?

Mythos der eier­le­gen­den Wollmilch­sau


Mitte 20, den Dok­tor in der Tasche, mehr­jährige Beruf­ser­fahrung und diese am lieb­sten im Aus­land; Veröf­fentlichun­gen mit Auszeich­nung und am besten gleich in drei Pro­gram­mier­sprachen geschult – wenn Un­terneh­men hi­erzu­lande auf der Suche nach einem passen­den Kan­di­dat­en sind, so scheint es, als hät­ten KGB und CIA ei­nen ge­mein­sa­men Fra­genka­t­a­log zusam­mengestellt, um eine utopische Bre­it­ban­dauf­forderung an den globalen Kan­di­daten­pool zu sen­den. Die eier­le­gende Wollmilch­sau sucht jed­er, doch ange­brachter sind die re­al­is­tische Suche und Kom­pro­misse bei der Stel­lenbe­set­zung.
Dafür sprechen auch die Fak­ten: So haben deutsche Be­triebe und Ver­wal­tun­gen im ver­gan­ge­nen Jahr rund 4,9 Mil­lio­nen Mi­tar­beit­er neu eingestellt. Zu dies­er Erken­nt­nis kommt eine aktuelle Studie des In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Berufs­forschung (IAB) der Bun­de­sa­gen­tur für Ar­beit. Der Studie zu­folge rech­nen Un­terneh­men auch für das laufende Jahr mit einem an­hal­ten­den Beschäf­ti­gungsauf­bau, je­doch bericht­en ein Drit­tel aller Un­terneh­men im­mer häu­figer über Sch­wierigkeit­en bei der Per­so­n­al­rekru­tierung. Geringes In­teresse, eine un­zureichende An­zahl an Be­wer­bern, man­gel­nde Qual­i­fika­tion, aber auch die Akzep­tanz branchenüblich­er Ar­beitsbe­din­gun­gen und zu ho­he Loh­n­forderun­gen ge­hören dabei zu den primären Proble­mur­sachen.
Am sch­wierig­sten ges­tal­tet sich die Suche, wenn Stellen für Meis­ter oder Tech­nik­er be­set­zt wer­den sollen. Hi­er zeigt sich in je­dem zweit­en Fall der Suche nach einem Kan­di­dat­en, der über die passende Qual­i­fika­tion ver­fügt, als sehr sch­wierig. Das Baugewerbe ist ein Hauptlei­d­tra­gen­der dies­er En­twick­lung. So verzeich­nete die Branche bei der Stel­lenbe­set­zung in 39 Prozent aller Fälle zu wenig geeignete Be­wer­ber. 35 Prozent der Be­wer­ber man­gelte es an aus­reichen­der Qual­i­fika­tion und jed­er vierte war nicht mit den Ar­beitsbe­din­gun­gen der Branche ein­ver­s­tan­den. Zahlen und Fak­ten der Studie zei­gen somit, dass Un­terneh­men im Stel­lenbe­set­zungsprozess im­mer wied­er Kom­pro­misse sch­ließen müssen; am häu­fig­sten beim zu zah­len­den Lohn. So ver­suchen Un­terneh­men dem Fachkräf­teeng­pass ent­ge­gen­zuwirken und mit über­durch­sch­nittlichen Loh­nange­boten geeignete, Mi­tar­beit­er langfristig an das ei­gene Un­terneh­men zu bin­den.

„Krieg" um die Ta­l­ente ist eröffnet

Unser Autor André Sarin ist Dozent für Beruf-
sorientierung und Praxisbezug an der Rhein-ischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Uns­er Au­tor An­dré Sarin ist Dozent für Beruf- sori­en­tierung und Prax­is­bezug an der Rhein-ischen Frie­drich-Wil­helms-Uni­ver­sität Bonn


Doch wie fah­n­det man nach geeigneten Ta­l­en­ten für das ei­gene Un­terneh­men? Das hängt ganz von der in­di­vi­du­ellen Per­so­n­alpol­i­tik des Un­terneh­mens ab. Möchte man neue Potenziale in die Fir­ma holen, auf­bauen und an sich bin­den, dann bi­etet sich die Rekru­tierung an Gym­nasien, Re­alschulen oder Uni­ver­sitäten an. Möchte man dage­gen er­fahrene All­roun­der oder Spezial­is­ten mit Beruf­ser­fahrung ein­stellen, dann hilft ein Blick in den ak­tiv­en Branchen­pool. So ka­men in 2013 über 45 Prozent aller neu eingestell­ten Per­so­n­en aus einem an­deren Beschäf­ti­gungsver­hält­nis. In eini­gen Branchen und Fach­bereichen haben wir heute ei­nen Ar­beit­neh­mer­markt.
Diese Konkur­renz um gute Mi­tar­beit­er bekommt vor allem der Mit­tel­s­tand zu spüren. Kleine und mit­tel­ständige Un­terneh­men sind gezwun­gen, ihre Re­cruit­ing-Strate­gien neu zu ges­tal­ten. Ein wichtiger Sch­lüs­sel zum Er­folg liegt dabei im in­ter­ak­tiv­en Re­cruit­ing, denn die­s­es beschränkt die Suche nicht auf eine Re­gion. Schon heute wer­den über 70 Prozent der Neuein­stel­lun­gen über In­ter­netkanäle getätigt. Hier­bei spielt die Ausschrei­bung auf der firmenei­ge­nen Home­page die wichtig­ste Rolle. Allerd­ings sollte man auch den zwischen­men­sch­lichen Fak­tor bei der Suche nach geeigneten Mi­tar­beit­ern nicht überse­hen. Über Empfeh­lung oder per­sön­liche Kon­takte wurde 2013 jede vierte
Neuein­stel­lung ver­mit­telt.
In­ter­net und Vi­ta­min B bi­eten Un­terneh­men, die sich ein ständi­ges Re­cruit­ing nicht leis­ten kön­nen oder wollen, zu­dem die Möglichkeit das Re­cruit­ing an den Markt an­passen. Neue Mi­tar­beit­er soll­ten dabei weniger als Be­wer­ber und die ge­mein­same Ar­beit stärk­er als Syn­ergie-Ef­fekt von Ex­perten be­trachtet wer­den.
Ein Problem, mit dem Ar­beit­neh­mer im­mer wied­er kon­fron­tiert wer­den, ist die ho­he De­tailqual­i­fika­tion, welche von Un­terneh­men ver­langt wird, je­doch auf dem Be­wer­ber­markt kaum vorhan­den ist. ‚Train­ing on the Job‘ mit On­board­ing-Pro­gram­men kön­nte hi­er ein Lö­sungs­mod­ell sein. Dabei ist die Qual­i­fika­tion eines Be­wer­bers nur zu 50 Prozent von sein­er fach­lichen Kom­pe­tenz ab­hängig. Soziale und per­sön­liche Kom­po­nen­ten spielen eine eben­so wichtige Rolle. Man sollte da­her das En­twick­lungspotenzial eines Be­wer­bers auf Ba­sis sein­er fach­lichen Be­gabung stärk­er beacht­en. Un­terneh­men soll­ten sich um die potenziellen Ro­h­dia­man­ten fach­fremder Bereiche be­mühen und diese for­men und fördern.

Geis­teswis­sen­schaftler als Al­ter­na­tive


2014 ist das Jahr, in dem die Gen­er­a­tion der Baby­boomer ihren 50. Ge­burt­s­tag feiert. De­mo­gra­fisch­er Wan­del, Fachkräfte­man­gel und fortschrei­t­ende Glob­al­isierung wer­den den Kampf um die ver­bliebe­nen Ta­l­ente ver­schär­fen. Ab­hilfe kön­nen hi­er Fachkräfte aus dem Aus­land oder ein frisch­er Blick auf unsere heimischen Uni­ver­sitäten schaf­fen. Für große in­ter­na­tio­n­al agierende Un­terneh­men kön­nen Fachkräfte aus dem eu­ropäischen Aus­land ein guter Er­satz sein. Auch für Fach­bereiche, in de­nen tech­nisch­es Wis­sen primär­er Kern ist und Sprach - sowie Kul­tur­bar­ri­eren weniger stark zum Tra­gen kom­men, kön­nen Mi­tar­beit­er aus dem Aus­land sin­n­voll sein. Doch wenn man wirk­lich über kul­tur­fremde Mi­tar­beit­er nach­denkt, sollte man sich nicht von den Vorteilen blen­den lassen. Ger­ade in heimisch gewach­se­nen Teams, wie man sie viel­fach in klei­nen und mit­tel­ständi­gen Un­terneh­men fin­d­et, sind Fachkräfte aus dem Aus­land fehl am Platz.
Eine Lö­sung, ger­ade für den Mit­tel­s­tand, bi­eten dage­gen die viel­fach un­ter­schätzten Geis­teswis­sen­schaften an deutschen Uni­ver­sitäten. In­ter­diszi­plinär aus­ge­bildet, fähig, sich sch­nell und gewis­sen­haft in die ver­schie­den­sten Branchen und Tätigkeits­bereiche vom Mar­ket­ing über Pro­jekt­pla­nung bis zur Kun­den­be­treu­ung einzuar­beit­en, bi­eten Geis­teswis­sen­schaftler von heute weit mehr als akademisch­es Wis­sen um Kant und Hegel. Geis­teswis­sen­schaftler eig­nen sich her­vor­ra­gend für das Mod­ell: Train­ing on the Job. Doch Vor­sicht, denn wer denkt, hi­er gün­stige Mi­tar­beit­er zu Dump­ing­preisen – Stich­wort: Gen­er­a­tion Prak­tikum – einkaufen zu kön­nen, der schult eher das zukünftige Per­so­n­al der Konkur­renz. Bei Per­so­n­al­suche und Nach­frage ist Geiz ganz sich­er nicht geil.
Der „Krieg" um die Ta­l­ente ist eröffnet. Wer hi­er beste­hen will, braucht neue Strate­gien und muss über den Teller­rand schauen. Qual­i­fika­tion und faire Bezah­lung wer­den zum Sch­lüs­sel er­fol­greich­er Stel­lenbe­set­zung. Wenn es um gute Mi­tar­beit­er ge­ht, dann sollte man zu­dem die Gen­er­a­tion Prak­tikum mit ihren Geis­teswis­sen­schaftlern ernst neh­men.

An­dré Sarin | re­dak­tion@nied­er­rhein-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 09/2014